Nationalismus, Rassismus und Antisemitismus in der Migrationsgesellschaft Aachens

Jedoch soll es in diesem Aufsatz um Spannungsfelder gehen. Der Text bildet die Essenz eines vertiefenden, nicht zur Veröffentlichung bestimmten Dossiers. Daraus resultierten Erkenntnisse, die für die Öffentlichkeit hier aufbereitet worden sind. Denn es gibt unter Migranten nationalistischen, ethnischen, sozialdarwinistischen bzw. klassenbezogenen Rassismus. Konflikte zwischen Personen aus Communities der türkischen, kurdischen, armenischen und alevitischen Einwanderungsgruppen gibt es beispielsweise nicht erst seit dem gescheiterten Militärputsch in der Türkei 2016 nebst dem weiteren Ausbau des autoritär-religiösen Staates unter Erdogan.

Erinnert sei ebenso an den (historischen) Konflikt zwischen der Türkei und Griechenland um die Hoheitsrechte auf der Insel Kreta, wobei dieser Konflikt unter Migranten in Aachen zeitweise nicht nur rein nationalistisch geprägt war. In den 1970er Jahren etwa wanderten Intellektuelle, Sozialisten, Kommunisten und Anarchisten aus Griechenland anlässlich der dortigen Militärdiktatur aus bzw. flohen u.a. wegen der RWTH und der linksalternativen 68er-Szene nach Aachen.

Einwanderer aus dem Iran stammten vor Jahrzehnten oft aus einem eher linksliberalen und antifaschistischen Milieu, weswegen diese Menschen seinerzeit vor dem faschistischen Schah-Regime oder später dem radikal-islamistischen Mullah-Staat fliehen mussten. Nicht selten stamm(t)en diese Familien und Personen aus der intellektuellen, durch Akademiker geprägten Mittel- bzw. Oberschicht des Irans. Sowohl bei dem Erlernen der deutschen Sprache, als auch im Bereich des beruflichen Wiedereinstiegs bzw. Aufstiegs gelang oftmals eine sehr gute Integration und eine erfolgreiche berufliche Laufbahn oder künstlerische Karriere, siehe als schillerndes Beispiel dafür die Kabarettistin Enissa Amani. Zugleich schauten manche Menschen aus dieser persischen Community zuweilen auf z.B. türkisch-stämmige Migranten herab, kamen diese doch auch aus ärmlichen, ungebildeten, nationalistischen Strukturen. Es war eine Art soziale Klassifizierung, die gleichwohl Spuren von Nationalismus und Rassismus enthalten konnte.

Von der Dolchstoßlegende bis zu den Idealisten der Grauen Wölfen

Selbst historisch gesehen sehr weit zurückliegende Konflikte in oder Verschwörungstheorien aus den Heimatländern und -regionen können sich bis heute auf das Zusammenleben unter Migranten auswirken. Um 1918 brach etwa – sehr vereinfacht skizziert – das Osmanische Reich nach Krieg(en) und durch Besatzung zusammen. Ähnlich wie eine Dolchstoßlegende hält sich dabei in bestimmten türkischen bzw. türkisch-stämmigen Kreisen die Verschwörungstheorie, dass die Araber die Türken verraten hätten und schuldig am Untergang des Osmanischen Reiches seien. Derlei auch in türkischen Schulen sowie Medien bis heute zuweilen vermitteltes „Allgemeinwissen“ besonders in nationalistischen Kreisen konnte sich also auch 2015 im Rahmen der „Flüchtlingskrise“ auf das Zusammenleben in Deutschland auswirken. Aus dem Bürgerkrieg fliehende Syrer (Araber) konnten dieser „Logik“ nach unter Türken bzw. türkisch-stämmigen Migranten als „Pack“ und Nachkommen der „Verräter“ angesehen werden.

Nicht erst seit dem Militärputsch Mitte 2016, wohl aber seitdem besonders auffällig ist ein Erstarken des türkischen Nationalismus unter Migranten zu verzeichnen. Seitdem Erdogan den Staat immer mehr zu einer Autokratie umbaut, herrscht unter türkischen bzw. türkisch-stämmigen Migranten Streit, je nachdem, ob man Erdogan vergöttert oder dessen Politik kritisch bewertet. Die „Spitzel“-Debatte wegen der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion e.V. (Diyanet İşleri Türk İslam Birliği, Ditib) sowie Hinweise darauf, dass in Deutschland lebende Türken oder türkisch-stämmige Migranten gegenüber den Behörden in ihrer (alten) Heimat Kritiker denunzieren, haben das Klima zusätzlich belastet. In Deutschland kam es auch zu Demonstrationen aus der türkischen Community, teilweise unter Einfluss des türkischen Staates bzw. der regierenden AKP (Adalet ve Kalkınma Partisi, dt.: Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung).

Auffallend war, dass gerade in den sozialen Medien im Zuge dessen auch Postings von türkisch-stämmigen bzw. türkischen Migranten verbreitet wurden, die vom Tonfall und der Argumentation her jenem der „Alternative für Deutschand (AfD) und dem von „Pegida“ (Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes) glichen. Deutschen Medien, die Erdogan oder dessen autoritäre Politik und die Verfolgung politischer Gegner kritisierten und derlei mit Faschismus gleichsetzten, wurden als „Lügenpresse“ o.ä. tituliert. In Deutschland lebende Migranten aus der Türkei, die sich kritisch äußerten, galten als „Verräter“ oder „Volksverräter“. Derlei gab es auch in Aachen. Erdogan-Anhänger und türkische Nationalisten übten u.a. über die sozialen Medien Druck auf eine Schule mit hohem Anteil türkisch-stämmiger Schüler aus, weil im Unterricht die politische Entwicklung in der Türkei thematisiert wurde und jene Kreise dies als Angriff auf den Staatschefs bewerteten.

Im Jahre 2017 berichtete Hilde Scheidt, Grünen-Lokalpolitikerin und Bürgermeisterin der Stadt, dass sie durch türkische Nationalisten in den Sozialen Medien bedroht bzw. in die Nähe der Gülen-Bewegung gerückt wurde. Anlass dafür waren Feiern in einem der Gülen-Bewegung nahestehenden Bildungszentrum. Selbst publizierte Fotos von der Feier wurden im Herbst 2017 durch Gegner via Web weiter verbreitet, die Personen ähnlich wie auf Feindeslisten als Gülen-Anhänger „geoutet“, zudem gab es Hass- und Hetzpostings.