Nationalismus, Rassismus und Antisemitismus in der Migrationsgesellschaft Aachens

Eine Bestandsaufnahme von Michael Klarmann

Unser Autor hat in den letzten Jahren immer auch zum Thema Nationalismus in der Einwanderungsgesellschaft recherchiert, Demonstrationen beobachtet, Veranstaltungen besucht, Dossiers erstellt, Material ausgewertet und zahlreiche Gespräche geführt, die sich den Konflikten in den lokalen Communities widmeten. Wir veröffentlichen seine journalistische Bestandsaufnahme als Stimmungsbild und Diskussionsbeitrag.

Die Auseinandersetzung mit Extremismus in Deutschland konzentriert sich in erster Linie auf die klassischen Formen. Der deutschnationale Rechtsextremismus bildet dabei nach wie vor die stärkste Form des Extremismus im deutschsprachigen Raum. Die Bedeutung demokratiefeindlicher Einstellungen unter Menschen mit Migrationshintergrund nimmt jedoch zu. Seit geraumer Zeit schon weisen Schulen, Dienststellen oder Einrichtungen, die mit Migranten aus den verschiedenen Communities arbeiten darauf hin, dass Feindbilder oder Stereotype aus anderen Ländern, Ethnien, Glaubensgruppen (Religionen) in die gesellschaftlichen Prozesse in Deutschland einwirken (können). Bürgerkriege, bewaffnete Konflikte oder Kriege zwischen Staaten wirken sich auch auf die Communities vor Ort aus. Angesichts der Veränderungen in der Welt können selbst in zuvor homogen wirkenden Staaten plötzlich Menschen (wieder) zu Feinden werden. In den 1980er Jahren feierten Migranten aus Jugoslawien gemeinsam – Bosnier, Slowenen, Kroaten und Serben. Nach dem Bürgerkrieg war dies oftmals undenkbar, der Nationalismus und Hass auf die Muslime aus Bosnien waren zu stark geworden.

Das Massaker von Srebrenica steht dabei exemplarisch für ein Kriegsverbrechen, das sowohl eine nationalistische Komponente hatte, als auch von Muslimfeindlichkeit geprägt war. Jenes Massaker geschah während des Bosnienkriegs und wurde durch UN-Gerichte als Genozid klassifiziert. In der Gegend von Srebrenica wurden im Juli 1995 mehr als 8.000 Bosniaken getötet, die meisten davon waren Muslime und fast ausschließlich handelte es sich bei den Opfern um Männer und Jungen. Das Massaker wurde unter der Führung von Ratko Mladić von der Armee der Republika Srpska, der Polizei und serbischen Paramilitärs verübt. Wer Fotos von den riesigen muslimischen Gräberfeldern und den unzähligen Namen auf Gedenktafeln sieht, dürfte rasch verstehen, dass ein solcher Massenmord  bis heute nicht spurlos an den Communities vorbeigeht.

Propaganda aus der alten Heimat wirkt sich auf das Klima in Deutschland aus

Zu einer Verschärfung solcher Phänomene können der Konsum und die Nutzung von „Heimatmedien“ beitragen, können Migranten so doch (weiter) beeinflusst werden und somit quasi Konflikte medial sozusagen „zuziehen“. Die Bandbreite reicht vom Satelliten- und Kabel-TV bis zur Verbreitung von Nachrichten über verschiedene Kanäle und Möglichkeiten des Internets. Das Phänomen „Heimatmedien“ im Zusammenhang mit dem Schüren von Rassismus, Vorurteilen und Feindbildern findet dabei auf unterschiedlichen Ebenen statt. Während allgemein bekannt ist, dass die Macht des türkischen Präsidenten Erdogan durch dessen staatlichen bzw. staatsnahen Medien und Moscheegemeinden bis nach Deutschland reicht, gibt es in der öffentlichen Wahrnehmung meist noch viele blinde Flecken bei anderen Migranten-Communities, etwa jenen aus Russland oder Osteuropa.

Muslim- und asylfeindliche Ansichten, die etwa Medien in bzw. aus Polen, Ungarn oder Russland seit der „Flüchtlingskrise“ 2015 schürten und weiter schüren, haben sich auch auf jene Communities in Deutschland ausgewirkt. Rassistische Vorurteile und bestehende oder neue Feindbilder werden also in einer globalen Welt dank der vielfältigen Medienwelt beständig verbreitet. Medienberichte über Antisemitismus unter Menschen aus den arabischen Staaten oder der Türkei waren zuletzt nicht selten, gleichwohl transportieren auch Medien aus Ungarn oder Russland antisemitische Stereotype, schwappt über die Medien aus Polen ein durch den erzreaktionären Katholizismus der dortigen Kirchen geprägter Antisemitismus in die Köpfe der in Deutschland lebenden Polen bzw. polnisch stämmigen Migranten.

Es gibt zudem eine Minderheit rechtsextremer Russlanddeutsche, die den Glauben an eine jüdische Weltverschwörung so verinnerlicht hat, dass in solchen Kreisen die Juden abgrundtief gehasst werden und mit Neonazis und „einheimischen“ Antisemiten und Holocaust-Leugnern kooperiert wird [1]. Zugleich gibt es Muslime und Araber in Aachen, die sich bei Neonaziaufmärschen gemeinsam mit „einheimischen“ Nazigegnern schützend vor die Synagoge stellten, weil sie den Juden in Deutschland beistehen und die Juden sich ebenso, wenn Rechtsextreme und Islamhasser gegen Muslime aufmarschiert sind, an die Seite der Muslime stellten.

Multikultifest, Tag der Integration – und die Schattenseiten

Die Migrationsgesellschaft kritisch betrachten und auf bestimmte Konfliktpotentiale hinweisen ist die eine Seite der Medaille. Gleichwohl ist die Migrationsgesellschaft auf der anderen Seite tatsächlich oft bunt und harmonisch. Es mag nicht immer konfliktfrei ablaufen, aber wer in Aachen das Multikultifest besucht, weiß um die dort gelebte Völkerverständigung, Buntheit und Harmonie. In manchen Städten Deutschlands wäre es angesichts des Nahost-Konfliktes und einem „neuen“, auch unter Migranten um sich greifenden Antisemitismus undenkbar, dass sich die Deutsch-israelische Gesellschaft (DIG) auf einem Multikulti-Fest mit einem Stand präsentiert. In Aachen ist es möglich, zuweilen kontroverse Diskussionen zwischen DIG-Vertretern und Besuchern enden nicht in wildem Radau. Im „Dialog der Religionen“ streiten alle Glaubensgemeinschaften trotz mancher religiöser und nationaler Probleme auf der Welt gemeinsam für Verständnis und Respekt und versuchen auch auf diesem Wege, die Migrationsgesellschaft in Aachen tolerant und friedlich mitzugestalten. Der jährliche „Tag der Integration“ im Eurogress ist ein weiteres positives Zeichen dafür, wie bunt, vielfältig und harmonisch Menschen zusammen leben, sich austauschen, diskutieren und feiern können.

[1] Innerhalb der Community der Russlanddeutschen und Spätaussiedler sind die offen rechtsextremen, den Holocaust leugnenden und antisemitischen Russlanddeutschen marginalisiert. Sie treten in verschiedenen Splittergruppen, Vereinigungen, Vereinen, Parteien und Vorfeldorganisationen mit unterschiedlichen Namen auf.